Die weltweit deutlich gestiegenen Anleiherenditen haben die Bedingungen an den Kapitalmärkten spürbar verändert. Auch für uns: Die mit dem Renditeanstieg einhergehenden, teils erheblichen Kursverluste an den Anleihemärkten konnten wir aufgrund der vergleichsweise kurzen Restlaufzeiten unserer Anleihen weitgehend vermeiden. Das nun deutlich höhere Renditeniveau nutzen wir gezielt, um die laufenden Erträge unserer Anleiheportfolios zu steigern.
Der deutliche Renditeanstieg hat aber noch andere, weitreichendere Konsequenzen: Denn mit dem Renditeanstieg ändert sich die Vergleichsrechnung für Investoren. Fragen, die im Niedrigzinsumfeld kaum ins Gewicht fielen, gewinnen angesichts der nun höher verzinsten Anleihen wieder an Bedeutung. Plötzlich schauen viele Investoren genauer hin: Wie solide ist ein Geschäftsmodell finanziert? Wie viel externes, nun teureres Kapital benötigt ein Unternehmen für sein weiteres Wachstum, wie verlässlich verwandelt die Firma Umsätze in freie Cash Flows?
Diese Fragen wurden in der Vergangenheit aufgrund des Niedrigzinsumfeldes weniger beachtet. Es sind aber Fragen, die sich jeder Investor unabhängig vom Zinsniveau stets stellen sollte. Deshalb sind gestiegene oder steigende Zinsen für uns auch kein Anlass für hektische Umschichtungen – weder in unseren Anleihe- noch in unseren Aktienportfolios.
Unternehmen mit verlässlich hohen freien Cash Flows und tragfähigen Bilanzen sind weniger auf externe Finanzierung angewiesen. Das verschafft ihnen in einem schwierigeren Finanzierungsumfeld relative Wettbewerbsstärke und strategische Handlungsfähigkeit: Sie können weiter investieren und Chancen nutzen, während finanzschwächere Wettbewerber limitiert sind oder ihre Investitionen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit sogar zurückfahren müssen.
In diesen Zeiten trennt sich gemeinhin die Spreu vom Weizen: Die höheren Zinsen haben die Hürde für Unternehmen höher gelegt. Ob sie diese Hürde überspringen oder reißen, hängt ganz wesentlich von der wirtschaftlichen Substanz des jeweiligen Geschäftsmodells ab. Ein höherer risikoloser Zins erhöht – das gilt übrigens auch für hochprofitable Unternehmen – die Renditeanforderung und senkt bei sonst gleichen Bedingungen den heutigen Wert künftiger Cash Flows.
Beobachten lassen wird sich dies insbesondere bei Firmen, deren Bewertung vor allem auf zukünftigen Hoffnungen beruht. So manch ambitionierter Business-Plan und so manche spannende Börsenstory brauchen niedrige Zinsen, um sich zu rechnen.
Wer hohe Investitionen finanzieren muss, bislang aber wenig verdient und auf dauerhaft günstiges, externes Kapital angewiesen ist, gerät durch die steigenden Zinsen gleich doppelt unter Druck: Die Finanzierung verteuert sich, während der heutige Wert künftiger Gewinne sinkt. Deshalb ist es gerade bei KI-Unternehmen so wichtig zu analysieren, wer bereits heute profitable Geschäftsmodelle besitzt und wer auf Dauer seine Investitionen fremdfinanzieren muss – und vor allem, welche Rendite auf das zusätzlich eingesetzte Kapital langfristig entsteht. Börsennarrative oder ein stark steigender Aktienkurs ersetzen weder einen belastbaren Burggraben noch eine solide Bilanz. Für kapitalintensive Komponentenhersteller gilt zudem: Auch ein Superzyklus bleibt ein Zyklus.
Das bedeutet nicht, dass wir uns neuen Technologien verschließen. Im Gegenteil: Wir investieren dort, wo sich technologische Fortschritte mit dauerhaftem Kundennutzen und wirtschaftlicher Substanz verbinden. Dies tun wir seit Jahren mit unseren Firmen aus dem Daily Used Tech-Bereich, wie etwa Apple oder Alphabet. Mit Arista Networks haben wir unser Portfolio um einen Anbieter von Netzwerkinfrastruktur erweitert, der vom Ausbau der KI-Rechenzentren profitiert und bereits vor dem KI-Investitions-Boom profitabel wirtschaftete. Entscheidend ist für uns nicht das Schlagwort KI, sondern die Frage, welche Unternehmen daraus langfristig attraktive Erträge erwirtschaften können.
Wie weit diese Entwicklung über die reine Rechenleistung hinausgeht, zeigen wir im vorliegenden Investorenbrief: Meta demonstriert mit Muse, wohin sich KI-Agenten entwickeln können. Visa wiederum hat das Trusted Agent Protocol veröffentlicht, mit dem KI-Agenten im Zahlungsverkehr authentifiziert werden können; ein erster Live-Pilot läuft bereits. Und Visa steht auch dabei für ein wichtiges Gut im weltweiten Zahlungsverkehr: Vertrauen.
Die pauschale Aussage, steigende Zinsen seien schlecht für Aktien, ist grob verkürzend. Steigende Zinsen sind vor allem schlecht für zu hohe Bewertungen von Firmen ohne Ertragsunterbau oder für Geschäftsmodelle, die auf billiges Geld angewiesen sind. Der Zinsanstieg verändert die Rahmenbedingungen. Aber unsere Investmentprinzipien verändert er nicht. Wir bleiben flexibel, verzichten auf Zinswetten und konzentrieren uns auf Unternehmen, deren Substanz auch unter anspruchsvolleren Bedingungen trägt.