Nvidia ja oder nein? Darum soll es hier gehen. Denn Die Börse liebt Geschichten. Das gilt besonders, wenn sie wie im Fall von Nvidia mit großen Zahlen, hohen Investitionen und einer starken Zukunftsperspektive erzählt werden können Derzeit Milliarden fließen in Rechenzentren für Künstliche Intelligenz, viele Unternehmen aus dem Halbleitersektor boomen; auch an der Börse. Und die großen Indizes ziehen mit.
Wir haben diesen Boom von Beginn an aus unternehmerischer Sicht differenziert betrachtet. Künstliche Intelligenz ist ein echter Megatrend, der bleiben und mit dem sich langfristig viel Geld verdienen lassen wird. Aber längst nichts jedes Unternehmen wird diesen Megatrend dauerhaft profitabel besetzen. An Firmen, denen das gelingt, möchten wir beteiligt sein. Und bei jeder einzelnen prüfen wir immer wieder neu, ob unsere Investmentthese trägt. Innerhalb des Halbleitersektors haben wir von Anfang an unterschiedliche Geschäftsmodelle unterschiedlich beurteilt. Gerade bei Speicherchip-Herstellern haben wir uns bewusst gegen ein Investment entschieden. Nicht aus dogmatischen Gründen, sondern weil uns das Geschäft der Firmen zu wenig planbar, zu zyklisch und zu risikobehaftet erschien und erscheint.
Ja, die enorme Nachfrage nach Rechenleistung hat auch den Bedarf an leistungsfähigem Speicher stark erhöht. Knappes Angebot trifft auf hohe Nachfrage, Preise und Gewinne steigen. Gleichzeitig setzen genau diese hohen Renditen erhebliche Investitionen in zusätzliche Produktionskapazitäten in Gang. Wann Angebot und Nachfrage wieder stärker ins Gleichgewicht kommen oder Überkapazitäten und Preisdruck entstehen, lässt sich nicht seriös prognostizieren. Diese ausgeprägte Abhängigkeit von Preis- und Kapazitätszyklen entspricht jedoch nicht dem Chance-Risiko-Profil, das wir für langfristige Investments suchen. Dass die Kurse vieler Halbleiterfirmen zuletzt trotzdem stark gestiegen sind, ändert nichts an dieser Analyse und unserer Haltung gegenüber vielen Chipherstellern. Für uns ist deshalb vielmehr entscheidend, wodurch langfristig Ertragskraft entsteht: Aus temporärer Knappheit und Preiszyklen – oder aus Wettbewerbsvorteilen, die sich über lange Zeit verteidigen lassen.
Nvidia lässt sich heute nicht mehr allein mit dieser klassischen Halbleiterlogik beschreiben. Nvidia bleibt aber weiterhin vom Investitionszyklus der großen Rechenzentren abhängig. Und auch die hohe Abhängigkeit von wenigen Großkunden wie Alphabet, Microsoft, Amazon oder Meta bleibt ein relevantes Risiko. Gleichzeitig verbreitert sich die Nachfragebasis. Neben den Hyperscalern wächst die Nachfrage aus AI-Clouds, Unternehmen, Industrie und staatlicher KI-Infrastruktur; zugleich verschiebt sich die Nutzung vom reinen Training zunehmend in Richtung Inferenz und agentischer KI-Anwendungen.
Der Wettbewerbsvorteil von Nvidia beruht zudem längst nicht mehr allein auf einem besonders leistungsfähigen Chip. Nvidia verbindet GPUs, CPUs, Netzwerktechnik, Systemarchitektur und Software zu einer immer stärker integrierten Plattform. Hinzu kommt mit CUDA ein über viele Jahre gewachsenes Entwicklerökosystem. Wer einen einzelnen Speicherchip ersetzt, tauscht in erster Linie eine Komponente aus. Wer Nvidia ersetzt, muss unter Umständen deutlich tiefer in seine Software-, Entwicklungs- und Infrastrukturumgebung eingreifen.
Wir haben in der Vergangenheit des Öfteren dargelegt, warum uns die Risiken für ein Nvidia-Investment zu groß und zu unkalkulierbar erschienen. Das heißt allerdings nicht, dass wir blind an einmal getroffenen Einschätzungen festhalten, wenn sich die Voraussetzungen ändern. Prinzipientreue ist für uns kein Dogmatismus.
Firmen verändern sich, so wie sich die (Wirtschafts-)Welt verändert. Damit verändert sich auch unsere Einschätzung einzelner Unternehmen. Nvidia ist dafür ein gutes Beispiel. Wir sind seit geraumer Zeit mit einer bewusst begrenzten Gewichtung in Nvidia investiert, weil sich die Struktur des Geschäftsmodells und die Burggräben verändert haben. Das ist keine Abkehr von unseren Prinzipien. Es ist die konsequente Anwendung derselben Prinzipien auf ein Unternehmen, das sich heute anders präsentiert als noch vor wenigen Jahren.
Unser Maßstab bleibt die Qualität des Geschäftsmodells mit Burggraben, Skaleneffekten, Kapitalrenditen, Bilanzqualität und der Fähigkeit, langfristig freien Cash Flow zu erwirtschaften. Aber die Welt, in der diese Unternehmen handeln, bleibt nicht stehen. Dafür liefert KI den schlagenden Beweis. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Consumer-Staples wie L’Oréal, Church & Dwight oder Procter & Gamble in der alten Welt von Windeln, Lippenstift und Scheuerseife hängen bleiben, während andere Branchen sie links und rechts mit KI-Agenten auf dem Weg in die Zukunft überholen. Das ist bei Weitem nicht der Fall. KI ist längst fester Bestandteil vieler Entwicklungs-, Produktions-, Marketing- und Logistikprozesse dieser Unternehmen. Nur die Umsetzung ist nicht immer spektakulär. Wenn aber ein Konsumgüterhersteller mit KI seine Lieferkette optimiert, Produkte besser und schneller entwickelt oder Kunden individueller anspricht, entsteht zusätzlicher Wert – auch wenn kein milliardenschweres neues Rechenzentrum für Schlagzeilen sorgt.
Und wie sieht es bei unseren Daily Used Tech-Firmen aus? Bei Alphabet etwa haben wir auch dann an unserer Investmentthese festgehalten, als der DeepSeek-Schock Anfang 2025 Zweifel an Googles Wettbewerbsposition und den hohen KI-Investitionen auslöste. Oder Apple: Unsere These war nie, dass die Firma selbst das beste KI-Sprachmodell entwickeln muss. Entscheidend für uns ist, dass Apple leistungsfähige KI-Lösungen in sein Ökosystem integrieren und damit zusätzlichen Kundennutzen schaffen kann.
Mediale Aufmerksamkeit schafft noch keine unternehmerische Wertschöpfung. Das gilt auch für den aktuellen KI-CapEx-Boom. Uns interessiert weniger die Frage, wie viele Milliarden noch investiert werden, als vielmehr die Frage, was aus diesen Milliarden wirtschaftlich entsteht. Deshalb unterscheiden wir sehr genau: zwischen Knappheitsrenditen und dauerhaften Wettbewerbsvorteilen, zwischen Komponenten und Plattformen, zwischen hohen Investitionen und hoher Wertschöpfung. Wo ein Geschäftsmodell unseren Anforderungen nicht genügt, etwa bei Speicherchip-Herstellern, verzichten wir bewusst. Wo sich Firmen und ihre Wettbewerbsvorteile verändern, überprüfen wir unsere Einschätzung.
Flexibel in der Beurteilung, konsequent bei den Maßstäben – genau das verstehen wir unter langfristigem, unternehmerischem Investieren.