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Dominikus Wagner im Interview: „Wir lesen lieber in der Bilanz als im Kaffeesatz“

23.03.2026
Auf dem Bild ist Dominikus Wagner, der Mitgründer und Fondsmanager von Wagner und Florack zu sehen
Man gewinnt den Eindruck, dass mit Trump auch die Investmentwelt erratisch geworden ist – vor knapp einem Jahr schickten Trumps Zölle die Kurse auf Talfahrt, nun ist es der Krieg im Nahen Osten, der die Kurse in die Tiefe und den Ölpreis in die Höhe treibt. Wie beeinflusst die „politische Großwetterlage“ Ihre langfristige Investmentstrategie?

Dominikus Wagner: Natürlich beobachten wir die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen genau, weil sich Regulierung, Handelsbeziehungen, Lieferketten oder Währungen auch auf unsere Unternehmen auswirken können. Der Irankrieg hat massive Folgen, das wird auch unsere Portfoliounternehmen – etwa bei den Inputkosten – treffen, wenngleich weniger stark als andere Firmen. Unsere Investmentstrategie basiert im Kern auf der Analyse von Geschäftsmodellen, nicht auf politischen Szenarien oder einem makroökonomischen Weltbild. Die Rahmenbedingungen können wir als Investoren nicht beeinflussen. Deshalb fokussieren wir uns auf das, was aus unternehmerischer Sicht entscheidend ist: Robuste Geschäftsmodelle, die auch unter widrigen Bedingungen, möglicherweise verlangsamt, aber dennoch profitabel wachsen.

Welche Teile des Gesamtbildes sind für Sie wichtig?

Dominikus Wagner: Für uns kommt es darauf an, ob ein Unternehmen auch über viele Jahre hinweg ein verlässliches Gewinnwachstum erwirtschaften kann, idealerweise unabhängig von Konjunktur-, Börsen- oder Politikzyklen. Unternehmen mit solchen robusten Geschäftsmodellen überstehen auch schwierige Phasen. Oft sind dies gerade die „Langeweiler“, die nicht immer im Rampenlicht der Börse stehen, aber zuverlässig und solide liefern, wie zum Beispiel wettbewerbsüberlegene Consumer Staples.

Als langfristige Investoren halten wir nichts davon, das Portfolio ständig an die jeweils aktuelle Nachrichtenlage oder an Markt- und Rohstoffprognosen anzupassen mit dem Ziel, immer die richtigen „Gewinner“-Aktien im Portfolio zu haben. Wir lesen lieber die Bilanz als im Kaffeesatz. Aktionismus kostet auf Dauer mehr Rendite, als er bringt. Wir investieren wie Eigentümer: Wenn wir uns an einem Unternehmen beteiligen, dann tun wir das langfristig.

Auch wenn Sie kein Marktprognostiker sind – der steigende Ölpreis hat doch reale wirtschaftliche Folgen, auch für Ihre Portfoliounternehmen. Das können Sie doch nicht ignorieren?

Dominikus Wagner: Viele unserer Beteiligungen sind vergleichsweise wenig energieintensiv, etwa Software- oder Plattformunternehmen. Dort spielt der Ölpreis für die Profitabilität eine deutlich geringere Rolle als beispielsweise in der Schwerindustrie oder in der Luftfahrt. Aber natürlich haben Rohstoffpreise, Energiepreise oder Währungen reale Auswirkungen auf Konsumenten wie Unternehmen. Genau deshalb ist für unsere Investmentanalyse entscheidend, wie gut ein Geschäftsmodell beispielsweise mit steigenden Rohstoffpreisen umgehen kann, nicht aber die Prognose einzelner Preise.

Wie übersetzen Sie das in Ihrem Portfolio?

Dominikus Wagner: Wir investieren bevorzugt in Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht, starken Marken und stabilen Margen. Solche Firmen können Kostensteigerungen über die Zeit zumindest teilweise weitergeben. Ein gutes Beispiel dafür ist Lindt & Sprüngli: Der Kakaopreis hat sich zwischen 2023 und 2025 zeitweise auf über 10.000 US-Dollar/Tonne mehr als verdoppelt. Trotzdem ist es Lindt gelungen, über Preiserhöhungen, einen klugen Produktmix und eine konsequente Premiumpositionierung weiter profitabel zu wachsen und Marktanteile hinzuzugewinnen. Das Beispiel Lindt zeigt exemplarisch, worauf wir achten: auf robuste markenstarke und wettbewerbsüberlegene Firmen mit der Flexibilität, ihre Preise selbst gestalten können.

Kurz: Wir ignorieren Währungen oder Rohstoffpreise nicht. Aber wir beteiligen uns bevorzugt an Firmen, die mit solchen Schwankungen geschäftsmodellbedingt gut umgehen können. Das ist aus unserer Sicht nachhaltiger, als in Firmen zu investieren, die mehr oder weniger zwingend auf bestimmte Rahmenbedingungen angewiesen sind, um erfolgreich sein zu können.

Gibt es ein Szenario, in dem Sie etwa die Liste Ihrer No-Gos anpassen, und beispielsweise Rüstung doch aufnehmen?

Dominikus Wagner: Die kurze Antwort lautet: nein.

Und die längere Antwort?

Dominikus Wagner: Die längere Antwort lautet: Unser Investmentansatz basiert auf der Analyse der ökonomischen Qualität von Geschäftsmodellen und den Burggräben darum sowie den unternehmerischen Kennzahlen. Und wenn wir uns unter diesem Aspekt Rüstungsunternehmen anschauen, sehen wir: Sie wachsen aktuell beim Umsatz wirklich rasant, aber ihre Geschäftsmodelle bleiben strukturell schwach. Rüstung ist kapitalintensiv, politisch abhängig und chronisch margenschwach. Für uns zählt am Ende die langfristige ökonomische Perspektive: Firmen, deren Geschäft stark von politischen Entscheidungen, Budgetzyklen oder geopolitischen Konflikten abhängt, passen einfach nicht zu unserem Ansatz. Es gibt deshalb keinen Anlass, diese Grundsätze zu ändern. Wir bleiben standhaft und transparent. Jeder Investor soll und muss wissen, wofür wir stehen.

Neben der Geopolitik ist KI das bestimmende Thema an der Börse. Sie investieren in Apple, Alphabet, die KI heute schon profitabel monetarisieren, aber auch in Adobe, von denen der Markt glaubt, dass ihr Geschäftsmodell durch KI angreifbarer geworden ist. Wie berücksichtigen Sie den Einfluss von KI auf die Geschäftsmodelle und die Burggräben um diese Geschäftsmodelle?

Dominikus Wagner: Bei Technologien wie KI gilt für uns das gleiche Prinzip wie bei allen anderen Trends: Wir schauen nicht auf die Technologie allein, sondern auf die wirtschaftliche Logik dahinter.

Die entscheidende Frage lautet: Stärkt eine neue Technologie den Wettbewerbsvorteil oder den Burggraben eines Unternehmens – oder schwächt sie ihn?

Wagner: Unternehmen wie Apple oder Alphabet haben globale Plattformen und eigene Ökosysteme mit einer riesigen Nutzerbasis von Milliarden Menschen und Millionen Unternehmen, sie verfügen über einen riesigen Datenschatz und enorme Investitionskraft. Sie investieren in KI und setzen sie ein, um ihre bereits bestehenden Netzwerkeffekte und damit ihre Marktstellung weiter profitabel auszubauen. Andere KI-Firmen sind technische First Mover, verfügen aber nicht über skalierbare, über Jahre gewachsene eigene Ökosysteme, in denen sie ihre Lösungen monetarisieren können.

Wie wirkt sich das auf den Kurs aus?

Wagner: Der Börsenkurs von Adobe leidet stark unter dem Narrativ ‚KI frisst Software‘. Wir stellen uns die Frage: Bedroht KI Adobes Burggraben? Es gilt genau zu analysieren, ob und wenn ja, wie stark die Burggräben um das jeweilige Geschäftsmodell tatsächlich bedroht sind. Ähnlich wie bei den Hyperscalern Alphabet oder Apple kommt es auch bei vielen Software-Anbietern auf das Zusammenspiel mit dem eigenen Ökosystem an, das Rechtssicherheit, qualitätsgesicherte Prozessketten und proprietäre Daten umfasst. Und da zeigt Adobe, dass es im ersten Quartal noch besser gelaufen ist als in den vorherigen drei, vier starken Quartalen. Das organische Wachstum beschleunigt sich, das Tempo beim Abo-Wachstum ist hoch, und KI ist heute schon ein Wachstumstreiber.

Einige Softwarefirmen bekommen den Druck des KI-Hypes besonders zu spüren.

Wagner: Bei anderen Unternehmen – etwa im Softwarebereich – kann KI auch zu mehr Wettbewerb führen oder die Burggräben schwächen. Aber genau deshalb analysieren wir sehr genau, wie tief ein Unternehmen in die Arbeitsprozesse seiner Kunden integriert ist, wie hoch die Wechselkosten sind und wie stark das Ökosystem rund um die Produkte ist.

Am Ende entscheidet also nicht die Technologie selbst über den Unternehmenserfolg, sondern die Qualität des Geschäftsmodells und wie sich neue Technologien wie beispielsweise KI dort profitabel integrieren lassen. Genau deshalb investieren wir bevorzugt in Firmen, die über stabile Cash Flows, starke Kundenbindungen und nachhaltige Wettbewerbsvorteile, wie zum Beispiel eigene Ökosysteme, verfügen und neue Technologien wie etwa KI erfolgreich monetarisieren. Dafür müssen sie nicht zwingend First Mover sein.

Zum Beispiel?

Wagner: Apple liefert hier ein sehr gutes Beispiel: Vor rund einem Jahr galt Apple in Analystenkreisen als der KI-Verlierer. Apple habe keinen vernünftigen KI-Sprachassistenten, und als das iPhone 17 auf den Markt kam, wurde es als Ladenhüter gebrandmarkt, weil die ‚KI-Features‘ fehlten. Aber was ist passiert? Die Kunden rissen Apple das iPhone 17 geradezu aus den Händen, es ist das meistverkaufte iPhone aller Zeiten. Und beim Thema KI kooperiert Apple mit Google und implementiert maßgeschneiderte KI-Lösungen nun in sein eigenes Ökosystem, das mehr als 2,5 Milliarden Endgeräte umfasst, und monetarisiert sie. Nicht als First Mover, sondern über ausgefeilte, passgenaue Anwendungen.

Lesen Sie hier den Investorenbrief 03/26

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